Bund

Revolte in der Hölle der Ordnung

Theater / Franz Hohlers Stück «Die dritte Kolonne» im Theater 1230
Charles Cornu

Ordnung muss sein. Disziplin muss sein. Wo kämen wir hin, wenn jeder täte und dächte, was er will? Das muss sich auch Franz Hohler überlegt haben, als er Ende der siebziger Jahre sein «Theaterstück für zwei Frauen und eine Gegensprechanlage» schrieb.

Und natürlich mit diesem die gepriesene Ordnung und Disziplin geradewegs voller Hinterlist in Frage stellte, heimlich untergrub und anarchisch bespöttelte.

Ordnung muss sein

Das Theater 1230, wo Hohlers Stück «Die dritte Kolonne» aufgeführt wird, hat sich in den unterirdischen Lagerraum eines Medikamentengrossisten verwandelt.

Da stehen ordentlich (ordentlich!) gestapelte Behälter und Schachteln, sogar eine echte Rohrpostanlage ist vorhanden, und dazu eben auch eine Gegensprechanlage, aus der ab und zu eine männliche Stimme quäkt. Die Klimaanlage rauscht, die Beschallungsanlage knistert und wispert: Es ist so gemütlich, wie es in einer Hölle der Ordnung nur sein kann.

Kadavergehorsam

In dieser Schachtelunterwelt der vollkommenen Geregeltheit funktioniert tadellos ein ältliches Fräulein. Von den Schuhen über die Kleidung bis zur Frisur und zu den Gesichtszügen sieht sie aus wie eine säuerlich gewordene Diakonisse.

Abgezirkelt und funktionell die Bewegungen, ein Kadavergehorsam, der zum automatenhaften Körper und zur fixen Haltung geworden ist, eine Mimik, die sich keine Entgleisung erlaubt (und wenn doch eine passiert, dann wird sie mit einem hastigen Griff zum Hals und einer eilig geschluckten Pille besänftigt): ein wunderbar komisches, trauriges Porträt eines solchen zerstörten Ichs bietet Ruth Grundacker.

Alles wäre und bliebe bestens im Schuss, träte da nicht eines Tages eine neue, eine junge Kollegin auf, die von der älteren angelernt werden muss. Entsetzlich, dieses unreife Geschöpf ohne Ordnungssinn!

Nicht nur Kaugummi kaut sie und Rollschuhe trägt sie gelegentlich - schlimmer: Sie stellt Fragen, stellt plötzlich ein Warum? in den sterilen Raum, sie lacht - ja, sie lacht! - , und sogar dem unsichtbaren Mann am anderen Ende der Gegensprechanlage vermag sie mit ihrer frischen, frechen Keckheit ein Meckern abzuringen, das fast wie der unterdrückte Ansatz einer Belustigungsäusserung aufgefasst werden kann. Erfrischend und gewinnend in dieser Rolle: Jacqueline Walser. (Und dazu als unsichtbarer Mann und spürbarer Chef stimmlich ausdrucksvoll: Markus Rub.)

Revolution unterm Boden

Mit dem jungen Wesen und seinem Fragen und Frägeln dringt das Chaos, dringt die Anarchie in den Keller ein.

Noch gefährlicher: Leben kommt auf; selbst die vertrocknete, ältliche, verlässliche Kraft zeigt zuletzt Spuren von Lebendigkeit und Unbotmässigkeit. Eine Revolution hat stattgefunden unterm Boden.

Inszenierung: Rita Portmann

Die Regisseurin Rita Portmann hat Hohlers fünfviertelstündiges Stück mit viel Verständnis inszeniert. Sie lässt seine Elemente der Komik wirken und löst so im Publikum viel Gelächter aus; aber sie überdeckt nicht den Untergrund, der gar nicht so lustig ist.

Die Abläufe steuert sie sehr präzis, ohne Brüche und Schwächen, die beiden Darstellerinnen hat sie auf dem scharfen Grat zwischen Komödie und Satire sicher zum Ziel geführt.

Franz Hohler zu Gast

Wenn Franz Hohler am 25. Januar persönlich die Nachmittagsvorstellung besucht, wird er sicher seinen Spass daran haben.





Berner Zeitung
11.1.1997

Theater 1230

Darüber lächelt milde Ionescos Geist



Franz Hohlers frühes Stück „Die dritte Kolonne“ ist kaum sein bestes. Vom Theater 1230 geschickt inszeniert, wirkt es aber surreal komisch und bedrohlich aktuell.
Im schalldichten Keller eines Medikamentengrossisten arbeiten zwei Frauen: Sie entnehmen der Rohrpost Bestellungen, suchen die entsprechenden Schachteln in den Containerstapeln und legen sie in den Warenlift. Die ältere ist sichtlich gezeichnet von der jahrelangen Monotonie und lässt sich einschüchtern von einer autoritären Männerstimme aus der Gegensprechanlage. Die junge Anfängerin dagegen stellt bald einmal aufmüpfige Fragen nach der Bedeutung der Zahlenkolonnen auf den Bestellzetteln.
Aus dieser kafkaesken Situation hat Franz Hohler 1978 ein kleines Stück absurdes Theater gemacht, über dem irgendwo milde lächelnd der Geist Ionescos schwebt. Seine beiden Protagonistinnen, die erstaunlich gut miteinander auskommen, entwickeln so bedrohliche Phantasien über die von den Medikamenten vertriebenen, aber nicht ausgelöschten Krankheiten, dass sie sich gegenseitig als Schweine wahrnehmen: Alpträume, die an unsere eigenen, höchst aktuellen ängste vor Genmutation und Rinderwahnsinn rühren.

Brillante Regie

Franz Hohler hat seither prägnantere, bösere und auch lustigere Texte geschrieben. Sein surreales (und doch von der Schweizer Arbeitswelt gar nicht so weit entferntes) Konservationsstück bietet aber zwei dankbare Frauenrollen. Und Ruth Gundacker wie Jacqueline Walser holen das denkbar Beste heraus: Präzise bis in die kleinste Geste zeichnen sie pointierte Typen, ohne sie je zu plumpen Karikaturen zu machen.
Rita Portmanns intelligente Regie nutzt jede Möglichkeit zur Komik und trägt damit das Stück über einige Längen hinweg.
Und Markus Rub, der auch dem „Chauvi“ aus der Gegensprechanlage seine Stimme leiht, hat im Kellergewölbe des Theaters 1230 ein Bühnenbild geschaffen, wie es stimmiger nicht sein könnte.
Marie-Louise Zimmermann



Berner Tagwacht
11.1.1997

„Die dritte Kolonne“ von Franz Hohler im Theater 1230

Beklemmende Arbeitsgroteske

Groteskes, Komisches und Beklemmendes vereint das Stück „Die dritte Kolonne“ von Franz Hohler. Die Inszenierung im Theater 1230 spielt mit diesen Elementen und setzt grelle Kontraste.
Ein besonderer Schleck ist es bestimmt nicht, in einem licht- und luftdicht abgeschlossenen Raum per Rohrpost Bestellungen entgegenzunehmen, Medikamente aus dem Lager zu holen und sie dann mit einem Warenlift nach oben zu spedieren. Dementsprechend kauzig ist die dienstältere der beiden Protagonistinnen (Ruth Gundacker), die bereits seit elf Jahren in diesem Kellerloch schuftet. Neurotisch ist sie, zwanghaft auf Ordnung und peinliche Hygiene fixiert, devot und ängstlich der Stimme von oben (Markus Rub) gegenüber.
Frischen Wind bringt in Franz Hohlers Arbeitsalptraum eine neue Kollegin (Jacqueline Walser) in den miefigen Packraum. Sie saust auf Rollschuhen zwischen blauen Plastikkisten mit den Strichcodes herum, singt, trällert, pfeift und stellt neugierige Fragen, die sich für eine Packerin im Kellergeschoss einfach nicht gehören. Das kann natürlich nicht lange gut gehen. Die beiden Frauen kommen sich zwar nach einigen Kollisionen näher, der Betrieb verträgt auf die Dauer aber keine aufmüpfige Gwundernase und spuckt die Neue wieder aus.
Franz Hohlers Parabel auf eine wenig humane Arbeitswelt vereint Komisches, Groteskes und Beklemmendes, wie man es vom Autor nicht anders erwartet. Rita Portmanns Inszenierung von „Die dritte Kolonne“ spielt gezielt mit diesen Elementen und setzt grelle Kontraste. Verknorzt, verkrampft und steif wirkt die Langzeitüberlebende dieser Arbeitswelt. Sie hat den Betriebsablauf derart verinnerlicht, dass sie sogar ihren Pausentrunk aus einer Rohrposthülse nimmt. Mit Brille, streng nach hinten gekämmten Haaren und Haarband ist sie das augenscheinliche Gegenstück ihrer neuen Kollegien, die hysterisch farbig und Marhmellows kauend über die Szenerie wirbelt. Statt den Bestellschein hygienisch korrekt mit einer entschlossenen Handbewegung aus dem Rohrpostbehälter zu schütteln, schleckt sie ihren Finger nass, um den Schein herauszupullen.
Das überdrehte der Ausgangslage wird zusätzlich unterstützt durch absurde Elemente, in denen die beiden Arbeiterinnen etwa nervös bedingte Visionen haben, auf Medikamentenschachteln Musik machen oder den arbeitsteiligen Betriebsablauf in einer Art Ballett ad absurdum führen. Unklar bleibt zum Schluss allerdings, ob alle diese verschiedenen Teile zu einer hinterhältigen Strategie einer pervertierten Arbeitswelt sind. Hier wären vielleicht deutlichere Akzente der Inszenierung nötig gewesen.

Elio Pellin



INFORMATION SZENE
11.1.1997

Franz Hohlers „Die dritte Kolonne“ im Berner Theater 1230

Arbeitswelt zwischen Rohrpost und Gegensprechanlage

Ein Theaterstück für zwei Frauen und eine Gegensprechanlage nennt Franz Hohler sein „Die dritte Kolonne“. Rita Portmanns Inszenierung im Berner Theater 1230 hat daraus einen spannenden Abend gemacht - mit Abstrichen ausgerechnet bei der Gegensprechanlage: sie beziehungsweise die Stimme von Markus Rub ist den beiden Frauen Ruth Gundacker und Jacqueline Walser kein angemessener Partner.
Das Theater in dem Keller von 1230 an der Berner Kramgasse hat schon immer einen grossen Teil seiner Attraktivität daraus bezogen, dass die Leute, die dort Theater machen, den Raum bloss sparsamst mit Installationen festgelegt haben. Das erlaubt, seine - begrenzten - Möglichkeiten auszunutzen, ihn der jeweiligen Produktion anzupassen. Und auch, wie sich jetzt zeigt, wechselnden Bedürfnissen. Eins davon ist die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, beispielsweise mit einer Bar. Sie steht jetzt in der linken hinteren Ecke und erlaubt dem Publikum, das solches will, nicht nur vor und nach der Vorstellung flüssige Labung, sondern auch, sich für die Vorstellung damit einzudecken. Bezeichnenderweise hat das beziehungsweise der Gebrauch, der davon gemacht wurde, an der Premiere von „Die dritte Kolonne“ überhaupt nicht gestört - weniger jedenfalls als das Warten-müssen auf eine lokale Kritikerin. Pünktlichkeit gehörte früher zu den Tugenden nicht nur von Königen, sondern auch von Journalisten. Und dass ein Theater gegebenenfalls warten muss, bis die Kritik einzutrudeln beliebt, ist kein schlechtes Indiz für die Situation, in der sich zumindest freies Theater zurechtfinden muss. Ganz nebenbei: ob die Konsumationsmöglichkeit mehr stört, als sie dem Theater einbringt, wird jeweilen eines der Kriterien sein, an denen die Qualität der Produktion (und auch des Publikums...) gemessen werden kann. Gestört wird meist ja vor allem, was anderes nicht verdient.


Die Premiere von Franz Hohlers „Die dritte Kolonne“ wurde nicht gestört. Es bestand auch kein Grund dafür: Rita Portmann ist es gelungen, mit einer leisen, differenzierten Inszenierung den beiden beteiligten Frauen die Entfaltungsmöglichkeiten zu geben, die eine solchen Abend prägen. Die Geschichte ist einfach: im Warenlager einer Arzneimittelgrosshandlung führt eine altgediente Fachfrau eine neue Kollegin ein und erledigt dann mit ihr die anfallenden Arbeiten. Sie erklärt ihr, wie die Lieferbefehle durch die Rohrpost (sie funktioniert, ist nicht bloss Attrappe !) kommen und wie sie zu behandeln sind. Was zählt, sind nur die Angaben der dritten Kolonne: Nummern der Medikamente und Anzahl der Packungen. Der Verkehr mit „oben“ geht ausschliessslich über eine Gegensprechanlage.
Aus der Einführung erwächst ein wohltemperierter Ablauf. Das geordnete Gefüge bricht aber rettungslos auseinander, als die Jünger plötzlich wissen will, was denn die Zahlen in den beiden anderen Kolonnen bedeuten und sich nicht mit der Erklärung zufriedengibt, das seien für ihre Arbeit irrelevante Angaben.
Die Anfangsszene, in der Ruth Gundacker ihre eingefuchste Routine an die neue Kollegin weitergibt, ist umwerfend nicht nur von Franz Hohlers Vorlage her, sondern auch in der Umsetzung auf der Szene. Was die beiden Frauen sagen, ist natürlich wichtig, viel, viel wichtiger und aufschlussreicher ist, wie sie es sagen. Und wenn ich jetzt finde, dass die erkennbar grössere Routine Ruth Gundacker dabei einen leichten Vorsprung gibt, so soll das nicht etwa heissen, dass Jacqueline Walsers neugierige Naivität dagegen abfalle - sie ist nur einfach (oder war es jedenfalls an der Premiere noch) nicht ganz so selbstverständlich sicher. Allerdings ist auch sehr schwer über die Rampe zu bringen (sogar dort, wo wie im Theater 1230 gar keine ist), wie eine unsichere Figur sich entwickelt; das Zerbrechen einer anscheinend gefestigten Person leuchtet schneller ein. Wie Regie und Darstellerinnen das Auseinanderfallen scheinbar festgefahrener Abläufe mit einem veritablen Rohrpostbombenballett umsetzen, mit choreographischen Mitteln also, macht dabei einen besonderen Reiz aus.
Weit hinter diesen vielen schönen, packenden Momenten bleibt das Spiel dort, wo es über die Gegensprechanlage läuft. Besser: laufen sollte - denn laufen tut es eben nicht. Das liegt nicht an den Frauen, sondern an der schlicht unzulänglichen „Gestaltung“ des Textes aus dem „Jenseits“ des Lagerkellers durch Markus Rub. Es fällt zwar schwer, sich dadurch nicht irritieren zu lassen - aber im Interesse des Ganzen ist es empfehlenswert.

Hansueli W. Moser.Ehinger



Stehplatz
Februar 1997

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„Die dritte Kolonne“ im Theater 1230

Noch bis 8. Februar ist im Theater 1230 in Bern „die dritte Kolonne“ von Franz Hohler auf dem Programm. Das Stück für zwei Frauen und eine Gegensprechanlage ist sicher nicht Hohlers genialstes, vermag aber dank den schauspielerischen Leistungen und der Regie von Rita Portmann zu gefallen.
Anlehnend an einen kabarettistischen Programmablauf ist „die dritte Kolonne“ in fünfzehn Szene aufgeteilt, die zum Teil in einer Pointe enden. Im Keller eines Medikamentenverteilers arbeiten zwei Frauen. Die Jüngere, gespielt von Jacqueline Walser, ist neu und lässt sich von der älteren, Ruth Gundacker, in die Arbeit einführen. Die ist nicht schwer: mittels Rohrpost gelangen die Bestellungen in den Keller, die Frauen spedieren mit einem Lift die gewünschten Artikel nach oben. Während die ältere mit ihrer Pedanterie die Arbeitsabläufe unnötig kompliziert, langweilt sich die Jüngere. Sie vertreibt sich die Zeit mit dem Chef, der -“Hallo, hallo !“ - nur via Gegensprechanlage (Markus Rub) zu vernehmen ist. Mit der Zeit beginnt die Jünger die Arbeit und die Arbeitsbedingungen zu hinterfragen. Sie bricht den Ritus, den die älter und der Mann in der Gegensprechanlage in den vergangenen Jahren aufgebaut hatten, indem sie Fragen stellt. Fragen zum Inhalt der Schachteln. Fragen zu den Bestellscheinen. Die beiden Frauen kommen sich näher, die ältere wird offener, die Jüngere angepasster. Dieses langsame Aufeinander-Eingehen, subtil gespielt von den Akteurinnen, endet jäh, weil die Jünger die Ungewissheit im Keller nicht länger aushält. Sie verschwindet nach oben und für immer aus dem Keller. Die ältere, infiziert von der Jüngeren, wird vorsorglich nach oben beordert.
Rita Portmann hat mit einer genauen Regie die Anonymität, in der solche Arbeit verrichtet wird, herausgearbeitet. Keine weiss, wie sie Medikamente hergestellt werden und wie sie verwendet werden. Aber während die Jüngere, getrieben von ihrer Neugier, mit jeder neuen Erkenntnis umso verzweifelter ihrer Arbeit nachgeht, hat die ältere ihre Neugier schon längst gestillt und führt wie eine Maschine nur noch ihre Arbeit aus.