Neue Mittelland Zeitung
21.3.2000
Extreme Fallbeschleunigung
Ein „Zwischenfall“ von Boris Vian
Die letzte Produktion am Sonntagabend, die nur noch wenig Zuschauer
anlockte, war eine Vorpremiere im Rahmen der Zwischenfälle:
„Von 110 auf 0 zwischen-fallbeschleunigen - ein
Kunst-Stück nach Boris Vian“.
Weil der Schauspieler Reto Baumgartner (Zürich) nicht live
mitspielen konnte, kam sein Text ab Tonband. Doch dies hinderte die
drei anderen Agierenden nicht, dem Publikum ein fantastisches Spiel zu
bieten. Das Stück lehnt sich an Boris Vians „
Abberufung“. Ein Mann begeht Selbstmord und springt von einem
Hochhaus. Alle zehn Stockwerke öffnet er die Augen und wie im
Film erlebt er nochmals Szenen seines Lebens, animiert durch das, was
er im Hochhaus sieht. Dies die kurze Geschichte des langen Sturzes.
Wie nun die Spielenden unter der Regie von Rita Portmann aus
Derendingen die Geschichte erzählen, ist schlicht einzigartig.
Auf vier Ebenen wird die Geschichte, man könnte sagen,
illustriert. Ab Tonband wird der Monolog des Selbstmörders
abgespielt. Auf der einen Seite der Bühne hat sich Musiker
Stefan Feingold eingerichtet, der mit mehreren Instrumenten die
Geschichte musikalisch feinfühlig untermalt. Auf der anderen
Seite der Bühne hat sich Verena Baumann installiert. Sei
begleitet die Geschichte mit ihren Videoprojektionen. Unter einer
Kamera hantiert sie mit Gegenständen und Materialien, was
vergrössert auf eine Leinwand projiziert wird. Da sehen wir
den Selbstmörder an den Fenstern vorbeifallen, da wird eine
Hippiestimmung fabriziert, oder der Selbstmörder torkelt
betrunken über die Leinwand. Einfach und umso wirkungsvoller
eine unheimlich erotische Kussszene mit Nahaufnahmen einer rosalila
Wäscheklammer. Ein Augenschmaus.
Auf der Bühne illustriert die gelb gekleidete Franziska Zuber
tanzend einzelne Passagen oder übernimmt die Rolle der
Freundin Winnie des Selbstmörders. Ihre sauber getimten
Bewegungen, ihre Beweglichkeit und ihre Vielfalt zaubern einen Tanz auf
die Bühne, der während über einer Stunde
faszinierend leicht, locker und natürlich erscheint. Ihr Tanz,
etwa in der letzten Szene, wirkt seltsam entrückt und
transportiert die Geschichte, die gerade auf der Bühne
gespielt wird, auf eine Ebene, auf der der Zuschauende mit seinen
Gedanken mitschwingen kann.
uby
Solothurn
«Wollen Sie
Kaffee und Kuchen?»
«Zwischenfälle»:
Premiere «Von 110 auf 0», einem
Kunst-Stück nach Boris Vian
Ein
Selbstmörder springt vom Hochhaus und erinnert sich dabei.
Diesen Stoff aus Boris Vians «Abberufung»
verarbeiten ein Musiker, ein Schauspieler, eine Tänzerin und
eine Video-Performerin zu einer dichten Bühnenproduktion unter
dem Titel «Von 110 auf 0».
Urs Byland
Ungewöhnliches breitet sich auf der Bühne im
Kreuzsaal aus. Links aus Sicht der Zuschauerinnen und Zuschauer hat der
Musiker Stefan Feingold seine Instrumente platziert, am rechten Rand
steht ein Tisch, an dem Verena Baumann arbeiten wird. Im Hintergrund
hängt eine Leinwand. Requisiten sind ein blauer Sessel,
ebenfalls im Hintergrund, und mitten auf der Bühne zwei
Whiskyflaschen.
Und nun soll sich ein Mann vom Empire State Building hinunter
stürzen? Und wirklich, auf der Bühne zeigen der
Schauspieler Reto Baumgartner, die Tänzerin Franziska Zuber
und Verena Baumann in einem Zwischenspiel mit ihren Händen wie
der Antiheld in den Lift steigt, hochfährt und runterspringt.
Dann erscheint der Selbstmörder auf der Leinwand, auch hier
wird nochmals gezeigt, wie er oben über die Brüstung
steigt und hinunterspringt. Verena Baumann verwendet dabei eine
Spielzeugfigur und eine Netztasche aus Plastik. Mit diesen Utensilien
spielt sie die Szene, wobei mit einer kleinen Kamera das Spiel auf die
Leinwand, überlebensgross, projiziert wird.
Unnötige Ablenkung
Damit zeigen sich bereits mehrere Merkmale der
Aufführung unter der Regie von Rita Portmann. Die Geschichte
wird auf mehreren Ebenen erzählt. Improvisation ist im
Zusammenspiel der vier agierenden Personen gefragt. Die
Aufführung erhält einen experimentellen Charakter.
Der Zuschauer ist damit zu Beginn sicherlich auch leicht
überfordert. Er hat verständlicherweise die Idee,
alles mitzukriegen. Einige Zeit vergeht, bis man sich von dieser Idee
lösen kann. überlegenswert wäre sicher, die
Arbeit der Video-Performerin nicht einsehbar zu machen. Man wird zu
stark abgelenkt, wenn man plötzlich herausfinden will, wie sie
die Bilder auf die Leinwand zaubert. Was die Arbeit der Regisseurin
Rita Portmann nicht mindern soll. Sie hat das Spiel, den Tanz, die
Musik und die Projektionen zusammengeführt zu einer spannenden
Inszenierung. Man merkt nicht, wie viel Arbeit hinter dem Spiel etwa
von Tänzerin und Schauspieler stecken.
Als Marionette agierend
Beim faszinierenden Blick auf die Bühne vergisst man
leicht, auf welcher Etage sich der Selbstmörder bei seinem
tödlichen Flug befindet. Achtzigstes Stockwerk: er begegnet
einem sonderbaren gelben Vogel, der ihn an seine Winni erinnert,
siebzigstes, sechzigstes Stockwerk, und er sieht durch die Fenster in
Büros, in ein Zimmer: sein Zimmer, in dem er sich als Kind im
Wandschrank versteckte. Seine Erinnerungen kreisen um seine Freundin,
deren heuchlerischen Vater, um seine Mutter oder seinen geliebten
Freund den Alkohol. Auf der Bühne agieren mit Reto
Baumgartner, ein Schauspieler, der fähig ist von einem Moment
zum anderen die Rolle zu wechseln, und als sein Schatten, aber auch als
seine Gegenspielerin, die Tänzerin Franziska Zuber.
Während seines Monologs übernimmt Baumgartner die
Bewegungen der Tänzerin oder wird gar von ihr wie eine
Marionette geführt: ein wunderbares Spiel von zwei technisch
hervorragenden Spielern. Franziska Zubers Leistung, ihre
Interpretationen des Vogels oder von Winni sind ausserordentlich. Die
Projektionen auf die Leinwand wirken ironisierend oder
befördern Stimmungen. Etwa, wenn der Selbstmörder von
einer Heirat mit Winni träumt und eine Hochzeitskutsche
über kitschige Farbblasen schwebt.
Ist die Stimmung zu Beginn, auch dank Stefan Feingolds Musik, die
unaufdringlich das Spiel begleitet, eher bluesig, wechselt sie am Ende
ins Träumerische. Man weiss nicht mehr, was real ist.
«Wollen Sie Kaffee und Kuchen?» hört man
plötzlich aus dem Mund der Tänzerin. Der
Selbstmörder ist am Ende angelangt. Die Frau - sein Bild der
Frau - spricht mit ihm, in aller Ruhe. Verflogen die Angst, seine
Gefühle zu zeigen. Nur, der Flug lässt sich nicht
mehr bremsen. Und dass er überhaupt gesprungen ist, hat seine
Gründe. So wie das Stück vom Theater
«Pudels Kern» gespielt wird, kommt der Verdacht
auf, er habe Winni erwürgt und deren Vater ermordet.