Bund

«Antwortet mir schnell!»

Theater / Premiere von «Ihr Lieben, viel zu weit Entfernten» im Theater 1230 Bern

era. Treffender als auf den Tag der Eröffnung des Papon-Prozesses in Frankreich hätte die Premiere nicht fallen können, mit der das Theater 1230 der jüdischen Gymnasiastin Louise Jacobson gedenkt, die 1942/43 ihre letzten Briefe schrieb aus dem Gefängnis Fresnes und dem Sammellager Drancy, bevor sie deportiert und in Auschwitz ermordet wurde. Die Briefe sind erst wenige Jahre bekannt und wurden unter dem Titel «Ihr Lieben, viel zu weit Entfernten» erstmals in Avignon dramatisiert.

Schulfreundinnen erhielten sie, die Eltern, die Schwester. (Sie wird bei der Sonntagsmatinee im Theater 1230 zu Gast sein.) Geschrieben wurden sie hinter aufgeklapptem Koffer, waren zugleich punktuelle Freiheit und tapferer Versuch, sich häuslich einzurichten im Elend.

Hergezauberte Wärme

Um alle sorgt sich Louise mehr als um sich selbst. Doch zu welchen Verrenkungen muss diese Tapferkeit bereit sein, welchen Umschwüngen standhalten. Sooft Jacqueline Walser neu ansetzt zur heiteren Beschreibung ihres Alltags, zerren ihre Fäuste die Wolldecke um die Schultern. «Ich habe wirklich Glück» - da schaut gerade noch ein bleiches Gesicht aus dem Korsett für die selbst hergezauberte Wärme. Und was liegt nicht alles im Wechsel des Tonfalls zwischen zwei Briefen!

Das kleine Glück

Die Inszenierung von Rita Portmann behandelt uns wie das Leben Louise. Immer sind es Kleinigkeiten, bei denen einen hinterrücks die Emotion überwältigt: beim Blick auf die Gärten der Wachposten, beim Glück, Rosenpastillen zu lutschen, wenn stumme Lippenbewegungen die Inhaftierungstage zählen, wenn die Hoffnung auf künftige Freiheit in einem einzigen Satz daherkommt: «Du musst mich dann ganz fest verwöhnen, Nadja.»

Mindestens so sehr wie in den Worten wird in den Gesten deutlich, was es heisst, Briefe schreiben und bekommen zu dürfen, um sich über das Alltäglichste und das Unerklärlichste zu verständigen.

Ein vorzüglicher Anlass, die Briefe neu zu öffnen und sich als «viel zu weit Entfernte» Louises Zeit zu nähern, ist auch das Rahmenprogramm zu dieser eindrücklichen Schweizer Erstaufführung.