Figura Dezember 2004
S hässliche Äntli
figurentheater doris weiller im Basler Marionetten
Theater
Auf der Bühne stehen die Entenmutter (Doris Weiler) und spricht mit
ihren Eiern am alten Waschzuber. Das Publikum fühlt sich angesprochen,
und im Nu sitzen im Gewölbe des Basler Marionettentheaters nur noch
Entenmütter, Entenväter und kleine Entchen, vorwitzige, herzige,
törichte und hässliche. Aus den Eiern im Zuber auf der Bühne kriechen
nun ebensolche. Und das hässliche Entchen wird von seinen vorwitzigen
und herzigen Geschwistern betrogen und geplagt und von der Entenmutter
ungerecht behandelt. Es verlässt diese unerfreuliche Umgebung und geht
in die weite Welt hinaus, wo es zwei kriminelle Wildenten und ein
borniertes Huhn trifft. Es durchleidet einen kalten Winter, aber im
Frühjahr werden alle seine Träume wahr: es erhält einen eigenen kleinen
Weiher mit einer blauen Leiter und es kann fliegen wie ein Schwan - und
es wird ein Schwan.
Auf mich wirkt die Geschichte, die das figurentheater doris weiller erzählt,
etwas weniger ironisch und etwas weniger differenziert als das Original
von Hans Christian Andersen, es fehlen mir insbesondere Andersens
subtiler Bezüge zwischen familiärer Innen- und Aussenwelt. Die
Entwicklung von Andersen Entchen vollzieht sich innerhalb eines
sozialen Bezugssystems: ãEr [der Schwan] dachte daran, wie er verfolgt
und verhöhnt worden war, und hörte nun alle sagen, dass er der schönste
aller schönen Vögel sei.Ò In der neuen Geschichte wird mir dieser
soziale Bezugssystem zu wenig sichtbar, und so wird aus dem Äntli am
Schluss ein schöner, aber einsamer Schwan.
Sehr überzeugt hat mich hingegen die Art und Weise, wie die Geschichte
†ber die Bühne geht (Regie: Rita Portmann): Die Sprache ist modern und
kindgerecht. Die Figuren der Kinderebene werden durch Puppen
dargestellt, die der Erwachsenenebene durch Menschen. Doris Weiller und
Basil Erny überzeugen, puppenspielerisch, schauspielerisch und
musikalisch gleichermassen. Bühnenbild, Requisiten (zum Beispiel die
fünf Zuber), Puppen, Menschen, Sprache, Gestik und Musik bilden ein
organisches Ganzes. So ist zum Beispiel die Handorgel
Begleitinstrument, Hühnerstange und Sprungbrett - und wie sie
unheimlich schnaufen kann ! Die Puppen sind ausdrucksstark, kuschelig
und agil. Am besten gefallen mir: der quirlige Schmetterling und der
flauschige junge Schwan.
Jürg Seiberth