Bund

Theater 1230 / Uraufführung «Fremd gehen»

Ein Mann räumt auf

mm. Wir sind Zeugen eines Büroalltags in den fünfziger Jahren. Mobbing und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sind noch nicht durch entsprechende Broschüren in Gesamtarbeitsverträgen thematisiert. Dafür stehen auf des Chefs Tisch: ein Locher, ein Spitzer, ein Stempelkissen sowie ein Rondell mit dazugehörigen Stempeln, alles in der symbolträchtigen Farbe Rot gehalten - man bedenke die populärpsychologischen Konnotationen. Ausserdem - aber auf der anderen Seite des Tisches - stehen da: Ein Kaktus (!), eine Spieldose und - gewissermassen als Höhepunkt der sich anbahnenden Story - eine Aufnahme der Mutter in goldgefasstem Rahmen.

Hansmax Preisel räumt auf. Ewiger Buchhalter, der er ist, gilt seine Leidenschaft nicht nur nackten Zahlen, sondern auch der Verdrängung der Dinge. Hansmax ist Phobiker: Körperausscheidungen sind ihm ein Greuel. Sein Entschluss darum klar - stornieren: sich selbst, aus diesem Leben.

Seine Sekretärin reagiert auf die Mitteilung, wie eine blonde Sekretärin offensichtlich reagieren muss: «Wenn Sie tot sind, dann leben Sie ja nicht mehr.» Damit hat sie recht. Wie mit manchen anderen Dingen, die sie Hansmax Preisel in seiner letzten Lebensstunde noch sagen wird. Aber in Gang kommen will die voraussehbare Entwicklung nicht: Das «Über-Ich» in Form von Arbeitsalltag und Mutter steht im Weg und gemahnt zur Sittsamkeit; glücklicherweise gibt es aber bei beiden noch das «Es», bestimmt durch das Lustprinzip: das andere, das verdrängte Leben.

Rudolf Strub und Silvia-Maria Jung spielen nuancenreich und durchaus witzig. Details in Mimik und Auftritt verraten, dass auch Kleinigkeiten grosse Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Ihnen gebührt für das Gezeigte Anerkennung.

Ratlos dagegen lässt das erste Stück von Peter Stamm. Als Schwank möchte das Ganze noch hingehen, als Tragikomödie (so die Ankündigung) hinterlässt es Stirnrunzeln. Bedeutungsschwanger wird mit Versatzstücken aus der Psychologie hantiert, die in der gelungenen Umsetzung (Regie: Rita Portmann) durch nachgestellte Spielfilmsequenzen Schwung bringen, dem Stück aber Tiefe unterstellen wollen, die es nicht hat.

Da wird zwar geschmachtet, zur bürealen Vereinigung kommt es indes nicht: Hansmax Preistel flüchtet sich durch die Öffnung des Fensters in seinen Storno-Tod, Karin Halbherr bleibt unbefriedigt zurück. Im Gegensatz zu den Zuschauerinnen und Zuschauern, die sich ins Aphrodisiakische des Berner Nachtlebens stürzen konnten.



Die WochenZeitung

In den mittelalterlichen Gewölben des Theaters 1230 an der Berner Kramgasse ist noch bis Mitte November die Eigenproduktion Fremd gehen zu sehen. Das Stück vom Journalisten und Schriftsteller Peter Stamm variiert eine bekannte Ausgangslage: verknorzter Buchhalter und langjährige, ergebene Sekretärin kommen sich näher. Der Ordnungliebhaber zwangsneurotischen Ausmasses sieht im Freitod als letzte Konsequenz menschlichen Unvermögens, die katholische Sekretärin aber findet im Tod ein Gesprächsthema, um sich näherzukommen. Wenn die Verschrobenheit des Texts sich zu wiederholen beginnt, sich quasi totläuft, dann setzen die beiden DarstellerInnen Rolf Strub und Silvia-Maria Jung ein, die unter der Regie von Rita Portmann den Text effektvoll aufmotzen. Der Kontrast zur Biederkeit bilden dann stimmungsvolle Traumsequenzen, die Filmszenen nachgestellt sind. So erhalten die Figuren eine (eine sehr präzise gespielte) Darstellungsebene, um ihre Risse und Wünsche aufzuzeigen.
(tom.)