Der Bund:

Sonnengelbes Herz

Theater / Rita Portmann inszeniert «Die Hundeblume» von Wolfgang Borchert im Theater 1230 Bern.

era. Das Herz des Gefängnisses ist der Hof. In ihm: die kleine Freiheit. Das Herz des Hofs ist das Rasenstück, das Herz des Rasens die gelbe Hundeblume. In ihr: die Liebe. Von langer Hand plant ein Häftling, seine Geliebte, die kleine Blume, in seine Zelle zu holen. Zweimal vereiteln ihm die Vordermänner in der verflixten vorletzten Runde den Coup.

In «August, August, August» war Christoph Sommer Stallmeister in der Manege. Nun ist er wieder Herr und Knecht der Runden - zwanzig täglich - im Gefängnishof. Ein Schauspieler von grosser physischer Präsenz, von dem sich wahrlich nicht sagen lässt, er habe keinen Gang, spielt Borcherts Häftling, der seit 1946 meint, ihm fehle dieser Gang. Christoph Sommer geht den langen Weg vom Hass auf den Vordermann zum Wunsch, zu werden wie der Löwenzahn.

Selbstbegegnung

Zunächst aber dröhnt er sich zappend zu. Sein Finger und die gierigen Augen verschlingen bereits das übernächste Fernsehprogramm, der sich wiegende Rest des Körpers gehört noch dem verklungenen Takt. Zwei Wesen, eine Zumutung das eine dem andern, im Bann des Mediums zusammengesperrt. Dann spült ein Kanal das Wort Mitmenschlichkeit vorbei, und der Finger klinkt aus. Dunkel. Streichholz- statt Bildschirmflackern.

Ganz phänomenal ist das. Keine Minute braucht Sommer, um klarzumachen, wie schwer es ist, draussen vor der Tür zu allen medialen Ablenkungen sich selbst mitmenschlich zu sein. Die Erzählung «Die Hundeblume» kommt der Vorliebe der Regisseurin Rita Portmann für Monologe in Untersuchungshaft, Gefängnis und Lager natürlich entgegen. Doch diesmal nimmt sie sich das Leiden etwas gar nahe zur Brust. Der Schalk, der in dem Text steckt, entfaltet sich nämlich nur, wenn man die Figur auch mal auf Armeslänge von sich hält wie eine hübsche Blume.

Wenig Ironie

Mit dem Ernst und der Überzeugungskraft spielender Kinder buchstabieren Portmann und Sommer alle Sinnmöglichkeiten eines Eimers und zweier Dutzend Schuhe durch. Und doch fehlt dieser «Hundeblume» die Leichtigkeit, mit der man im Herbst über sie hinbläst.

Die hinreissende Verschämtheit, mit der Borchert von der Liebe zwischen einem Häftling und einem Löwenzahn erzählt, will ihren Charme nicht recht entfalten. So wechselt das Zuschauerherz gegen Schluss nicht vor Aufregung die Gangart, sondern das grosse Durchatmen setzt ein: Alles wird gut.