Mittelland Zeitung 15.03.2002

KULTUR


Was hinter dem Schnee ist

DasTanztheater-Projekt «Reise im Winter», nach der gleichnamigen
Geschichte von Helga Königsdorf, vereint Tanz, Videoprojektion und
Text zu einer brüchigen Stimmung, in der das gesprochene Wort die
getanzten und projizierten Bilder zu festigen vermag.

Eva Buhrfeind

Auch in ihrer Geschichte «Reise im Winter» schickt Helga Königsdorf
ihre Figuren auf die Suche nach einer neuen inneren Identität. Wobei
nicht der konkrete Ankunftsort das Ziel ist, sondern der Weg zu
neuen Erkenntnissen, zu sich selbst. Ein Mann und eine Frau sitzen in
einem Bahnabteil. Er ist irritiert, gestört, hat Termine. Sie sinniert
über den Verlust an Utopie, den Mangel an Imagination, im Raum wie
in der Zeit. Nichts verbindet sie «ausser der Blick in die Ebene» und
dass sie sich nichts vorstellen können. Ein Schneesturm lässt den Zug
für einen Augenblick halten. Dieser Halt wird zum notwendigen
Unterbruch, zur Lebensfrage, was wirklich ist und was hinter der
Landschaft, dem Schnee, hinter dem konkreten Ziel sein könnte. Und
wie die Frau aussteigt, «um nachzuschauen, was hinter dem Schnee
ist», da wird für den Mann das Hier und Jetzt wesentlich, nicht mehr
das rationale Ziel. Die Existenz der Frau verschwindet zwar im Nichts,
aber die Vorstellung einer Frau auf der Suche nach etwas «hinter dem
Schnee» bekommt für ihn mehr Wirklichkeit, als die Einsamkeit, die
ihn umgibt.

Derart metaphorisch endet auch dieses Projekt, das keine Geschichte
erzählt, sondern sich auf innere Welten bezieht: Vor den flimmernden
assoziativen Bildern verharrt die Tänzerin in sich versunken, eins mit
der schweren Stille, die oft an diesem Abend wirkt, der ohne die aus
dem Hintergrund erzählte Geschichte phasenweise vage geblieben
wäre.

Imaginäres Spiel von Sein und Schein

Rita Portmann, Regisseurin und Werkjahrpreisträgerin des Kantons
Solothurn, hat mit der Tänzerin Franziska Zuber Helga Königsdorfs
Geschichte zu einer Choreografie aus Tanz, Videoprojektion und
erzählenden Stimmen als ein imaginäres Spiel über Sein und Sinn,
Zeit, Raum, Wahrnehmung und Vorstellung erweitert. Wobei sich eine
Bildhaftigkeit generiert, die oftmals bedeutungsschwer in den
sinnbildhaft exerzierten Gefühlen die sinnliche Stimmung wieder
brüchig werden lässt, um dennoch suggestive Augenblicke der
Spannung aufzubauen.

Ruth Gundacker und Reto Baumgartner führen per Band durch die
Geschichte; versetzt erzählend, imaginativ repetierend, mit dem Text
spielend, begleiten sie die Tänzerin in ihren ausdruckstänzerischen
Bildern, die diese Reise als Reise zu sich selbst verinnerlicht. Bis alles
still steht, kein Ton, kein Satz, keine Bewegung, kein Videobild mehr
wirkt. Um dann erneut die wechselnden getanzten
Stimmungsprojektionen mit den atmosphärischen Videoprojektionen
der Solothurner Künstlerin Annatina Graf, den suggestiv erzählenden
Stimmen zu verschmelzen. Denn so wie Franziska Zuber (Kantonale
Werkjahrpreisträgerin 2001) auf der Bühne die wirklichen und
visionären Momente ausschöpft, so wechseln sich im Hintergrund die
Videobilder einer ausserhalb von Zeit und Raum selbstvergessen
agierenden Tänzerin mit den melancholisch grauen
Landschaftsimpressionen ab.

Die Tänzerin im grauem Anzug (Kostüm: Nic Tillein) ist Mann und
Frau, und damit ambivalent: das anfänglich Kontrolliert-Geschäftige,
der männliche Rollendruck angesichts der fremden Frau gerät kantig
gelenkig, grotesk. Das wachsende Emotionale, das Sehnsuchtsvolle
ist weiblich-spielerisch, erforscht sich in den wandelnden Regungen.
Aber sie ist auch der Himmel, der sich senkt, der Schnee, der fällt, die
Befreiung neuer Erkenntnisse.


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