info.bamberg, das magazin, archiv 4. März 2003
Unwetter einer verletzten Seele
Ronnith Neumanns "Ein stürmischer Sonntag" im Studio am Markusplatz
Es geschah an einem rosefarbenen Sonntagmorgen. Alles war wie immer. Die Frau sitzt am Frühstückstisch, trinkt Kaffee, liest Zeitung - als es an ihrer Wohnungstür klingelt. Das wäre nichts ungewöhnliches, wenn die Frau nicht völlig zurückgezogen von ihrer Umwelt leben würde. Genau genommen bekommt sie nie Besuch. Doch an diesem Sonntag steht da plötzlich der kleine Junge von nebenan, der der völlig überraschten Frau einen selbstgepflückten Blumenstrauß entgegen streckt. Phillip bricht unbefangen und naiv in die Welt der Frau ein und bringt ihre bislang krampfhaft aufrecht erhaltene Ordnung komplett durcheinander. Wenige Wochen später ist Phillip tot. Die Frau hat ihn an einem stürmischen Sonntag ertrinken lassen. Ihre Ordnung ist wieder hergestellt.
Emotionales Zwiegespräch
Das Theaterstück "Ein stürmischer Sonntag" von Ronnith Neumann, das das E.T.A.-Hoffmann-Theater in der Studiobühne am Markusplatz inszeniert, gibt einen verstörenden Einblick in eine verstörte Seele. Die Geschehnisse um den Tod des kleinen Phillip werden in einem eineinhalbstündigen Dialog aufgerollt. Die Frau (Gertrud Eiselen) legt nach langer Auseinandersetzung mit ihrem Zuhörer (Lukas Rähmer) ein Schuldbekenntnis ab. Wer oder was ihr Zuhörer genau ist - Anwalt, Polizist, Journalist, Priester oder Psychologe? - bleibt ungeklärt. Deutlich wird nur, dass er engagiert Partei ergreift, versucht, hinter die Fassade der Frau zu blicken. So entwickelt sich auf der Bühne ein zähes Ringen, ein Machtkampf, ein emotionales Zwiegespräch, in der beide Beteiligten irgendwann die Fassung verlieren. Die Problematik von Nähe und Distanz, die in der Erzählung der Frau von ihrer zaghaften Annäherung an den kleinen Jungen deutlich wird, spiegelt sich auf der Bühne im Verhältnis der Dialogpartner wider. Dem Zuschauer wie den Schauspielern wird dabei alles abverlangt.
Bröckelnde Fassade
Die Inszenierung von Rita Portmann setzt ganz auf die Eindringlichkeit des Spiels von Gertrud Eiselen und Lukas Rähmer - und tut gut daran. Das Bühnenbild ist sparsam, die Bühne selbst bis weit in den Zuschauerraum verlängert (Ausstattung Karlheinz Beer). Gertrud Eiselen gibt die äußerlich untadelige, überkorrekte, verklemmte Frau sehr überzeugend. Beeindruckend ist ihre Leistung, als die Fassade der Frau langsam zu bröckeln beginnt, ihre Verletzungen und Ängste, ihr Männerhass und ihre seelischen Abgründe allmählich zum Vorschein kommen. Lukas Rähmer steht seiner Partnerin in nichts nach. Von dem Wunsch getrieben, die Frau und ihr Handeln zu verstehen, verstrickt er sich als Zuhörer schließlich in seinen eigenen Konflikten. Am Ende bleibt nur Hilflosigkeit. Der Junge ist tot, der Zuhörer (Verhörer?) verlässt die Bühne, die Frau, offenkundig psychisch krank, baut sich eine Scheinwelt auf.
Für das Publikum jedoch bleibt auch ein Theaterabend von (viel zu) seltener Intensität.