Berner Zeitung
21.1.1993
Die Tortur der Stille
Das Theater 1230 zeigt Friedrich Glausers Verhör in einer schönen Einmann-Inszenierung: Beat Vonlanthen bietet eine gute Stunde lang spannende Schauspielkunst.
Ein Untersuchungsrichter hatte dem Kommissar Studer in einer früheren Glauser-Erzählung erklärt, man müsse sich unmerkbar machen, wenn ein Verdächtiger oder ein Zeuge loslege und spreche. Bei fälligen Geständnissen war Schweigen ein so starkes Druckmittel, dass die mittelalterlichen Foltermethoden zu einem einfachen Kinderschreck zusammenschrumpften.
Schweigen und Sprechenlassen: Diesen Grundsatz setzt Glauser auch in seinem 1933 entstandenen Prosastück Verhör literarisch um. So konsequent, dass aus dem Frage-Antwort-Spiel einer Untersuchung ein einziger Monolog des Verdächtigen wird. Das Berner Theater 1230 zeigt eine szenische Adaptation.
Lückenloser Spannungsbogen
Beat Vonlanthen als Grossindustrieller, in dessen Zugsabteil ein erschossener Mitreisender entdeckt wurde, Rita Portmann (Regie) und Simon Rosenheim (Licht) bieten über eine volle Stunde einen fast lückenlosen Spannungsbogen. überzeugend konzipiert ist vor allem die anwesende abwesende Instanz des Untersuchungsrichters, der sich dem Verdächtigen ständig entzieht und - vom Licht sehr schön unterstützt - aus immer neuen Blickwinkeln angesprochen werden muss. Etwas unglücklich scheint dagegen die gelegentliche Einspielung von Musik: Dieser Kunstgriff suggeriert eine zu starke äussere Wirkung auf den Verdächtigen und verdeckt die Tücke des Untersuchungsrichters, der die unerträgliche Stille mit einem Geständnis vollschwatzen lassen will.
Und auch wenn in Beat Vonlanthens schauspielerischer Leistung die ganz feinen Nuancen zuweilen etwas zu kurz kommen und deshalb die grossen Gesten stärker betont werden müssen, wurde Glausers Verhör im Theater 1230 sehr eindrücklich auf die Bühne gebracht. Bleibt zu hoffen, dass solche Grossleistungen im kleinen Rahmen auch in Zukunft und trotz aller Finanznöte möglich bleiben.
Elio Pellin