Solothurner Tagblatt, 27. März 2007
Wenn die Tragik komisch ist
Die Komödie «Wirklich schade um Fred» vereint viel Klamauk mit subtiler Bissigkeit und schwarzem Humor. Gezeigt hat das Stück bei KreuzKultur die Derendinger Theatergruppe Pudelskern unter Regisseurin Rita Portmann.
Das Stück des britischen Dramatikers James Saunders ist ein absurder Dialog eines greisen Ehepaares über den Irrtum seiner jahrzehntelangen Ehe. Auf den ersten Blick sind Mister und Misses Pringle (gespielt von Jörn Freudenberg und Monika de la Rey) schlicht ein herrlich schräges, altes Ehepaar. Doch die Komik ihres Lebens hat auch eine bittere, anrührende Seite: Die beiden sind gemeinsam einsam. Hinzu kommt die mangelnde Sicherheit durch Vergesslichkeit.
Streiche der Erinnerung
Das Ehepaar Pringle ist schon lange verheiratet. Wie lange, das weiss es selbst nicht mehr so genau. «Das Leben ist ein Schweinerüssel, komme was da mag.» Diese und ähnlich groteske Weisheiten gibt der energische Mister Pringle fortwährend von sich. Sehr zum Unmut seiner eher stillen Gattin, welche vielmehr von vergangener Leidenschaft träumt.
Das Paar hat seine Ehe längst überlebt, streitet unentwegt über Nichtigkeiten und erinnert sich an Fred. Dieser soll von jemandem entzwei geschnitten worden sein. Bei der Frage, wer denn eigentlich dieser Fred gewesen und wie er zu Tode gekommen ist, widersprechen sich Mister und Misses Pringle zuerst gegenseitig und dann sich selber. So meint denn er auch ganz gelangweilt: «Was einem die Erinnerung für Streiche spielt. Erinnerungen. Wie das auf einen einströmt. Du glaubst das eine, ich das andere. Mehr lässt sich darüber nicht sagen, das ist die Wahrheit.»
Doch in einem Punkt scheinen sich die beiden einig zu sein: Es ist wirklich schade um Fred. Und hätte er das gehabt, was man Humor nennt, würde er vielleicht noch leben.
Tiefsinniger Nonsens
Mal wähnt sich das Publikum in einem absurden Theater, mal in einer Boulevardkomödie. Gelacht wird viel, auch und vor allem dann, wenn todernste Fragen gestellt werden. Geboten wird Nonsens mit Tiefsinn und Schmerz mit Witz. Eine schwarze, manchmal tragische und ungemein menschliche Komödie. Die raschen Stimmungswechsel setzen Monika de la Rey und Jörn Freudenberg alias Misses und Mister Pringle sehr subtil, mit kleinsten Regungen um. Freudenberg glänzt in der Rolle des herrlich skurrilen, rechthaberischen Gatten. De la Rey blüht so richtig auf, wenn sich die sonst so stille Frau in Abwesenheit ihres Ehegatten nach vergangener Leidenschaft verzehrt. Unter der Regie von Rita Portmann tauchen die beiden Schauspieler lustvoll ab in den Irrwitz des nicht mehr ganz Alltäglichen. Angie Ackermann
Solothurner Zeitung, 24. März 2007
Fast immer miteinander verheiratet
KreuzKultur Theater-Premiere von «Wirklich schade um Fred»
Das einheimische «Theater Pudels Kern» zeigte James Saunders' «Wirklich schade um Fred» (Alas, poor Fred), einen so genannten Duolog in Ionescos Manier. Das Schauspielerpaar beeindruckte in einem Stück, das die erstarrte Liebe eines älteren Paars mit Elementen aus dem absurden und boulevardesken Theater sezierte.
JÜRG KÜBLI
Regisseurin Rita Portmann (Derendingen), Werkjahrpreisträgerin für Theater des Kantons Solothurn 2002, hat mit dem Engländer James Saunders (1925 in London geboren) einen der «unbekannten bekannten» englischen Dramatiker auf die Bühne gebracht. In «Wirklich schade um Fred» erhält das Publikum Einblick in die gute Stube und die leidenden Seelen des alten Ehepaars Pringle. Ethel, gespielt von Monika de la Rey (Rüttenen), und Ernst, verkörpert durch Jörn Freudenberg (Kyburg-Buchegg), sitzen auf dem Sofa zwar nahe nebeneinander, schauen aber mit starrem Blick er, mit entsetztem sie, parallel ins Leere. Sie strahlen in einem entsetzlichen Stillleben tödliche Langeweile aus. Im Rhythmus der Standuhr strickt sie, er scheint erstarrt. Das Bühnenbild wird komplettiert mit einem Sessel und einem winzigen Möbelchen, auf dem ein spiessiger Pokal thront.
Zwischen Grauen und Losbrüllen
Schon befürchtet man, die lange Stille sei die vollständige Stummheit des Paars, als es doch auch sprachlich losgeht. Er: «Willst Dus auf sich beruhen lassen? Willst Du die Polizei rufen?» Sie: «Aber Ernst, was wahr ist, bleibt wahr.» Solche Äusserungen sind programmatisch für den weiteren Verlauf des Dramas. Ernst vergleicht nämlich die Zeit seiner Taschenuhr mit dem Schlagen der Standuhr zur vollen Stunde. Und es scheint, dass seine Uhr zwei Minuten vorgeht, obwohl sie in den vergangenen dreissig Jahren nie vorgegangen ist. Und das war schon bei seinem Vater so, und bei seinem Grossvater, und noch bei dessen Mutter. Es entzündet sich ein Streit, wo welche Uhr schon überall gewesen ist. Und immer findet Ernst einen neuen gemeinen Einwand, nur um den sehnsüchtig vorgeschlagenen Ländernamen Ethels widersprechen zu können. «Meine Uhr war schon überall!» «Schottland?!» «Nein, nicht ganz.» «Tibet?» «Nicht Tibet, China! Und wo ist denn diese Standuhr schon jemals gewesen?!» «Aber, Ernst, diese Uhr ist in Japan hergestellt.» «Sie kommt aus Japan, sie ist nicht hingegangen. Du verdrehst alles, um es mit deinen Worten in Einklang zu bringen. Herkommen ist nicht hingehen, Standuhr ist nicht Taschenuhr!» Was mit absurden Dialogen über Nichtigkeiten beginnt, wird immer deutlicher zu einem Höllenritt durch die Abgründe einer erstarrten Beziehung.
Der Mensch in seiner traurigen Gestalt
Verstrickt in den Teufelskreis des unaufhörlichen Zankens, haben die beiden Figuren ihre Souveränität längst eingebüsst. Sie sprechen und handeln nicht mehr als selbstbestimmte Menschen. Ihnen fällt nur noch hie und da etwas ein, oder eben nichts, und auch das scheint zufällig. Freudenberg und de la Rey lösen die schwierige Aufgabe sehr gut, anderthalb Stunden auf der Bühne präsent zu sein, ohne äussere Handlung. Während sich bei Ethel das innere Entsetzen und die immer wieder aufbrechende Sehnsucht eindrücklich in ihren Augen zeigt, präsentiert Ernst eine bleierne Maske; sein Elend konnte sich nur ab und zu in nervösen Bewegungen und durch beredtes Herumgehen Erleichterung verschaffen. Die Regie hat die Schauspieler hervorragend eingestellt. Dem Stück hätte im zweiten Teil hingegen eine Kürzung oder eine Verfremdung gut getan, das ewige Sezieren über den längst nicht mehr ominösen Fred beziehungsweise Ernst im Kleiderschrank erinnerte nur noch an Alzheimer.
© Jürg Kübli