Solothurner
Tagblatt, 21. Juli 2008:
Theaterpremiere:
«’S isch immer so gsi»
Quer
durch Stadt und Geschichte
Die
Open-Air-Theater-Stadtführung «’s isch
immer SO gsi» hatte am Samstag Premiere. Die begeisterten
Zuschauer wurden durch das Theater Pudelskern in ein Wechselbad von
Gefühlen getaucht.
Das Leben im
samstagabendlichen Solothurn war in vollem Gange, als die Zuschauer der
etwas anderen Stadtführung ihre Kleber in den Farben rot,
weiss und blau, ihre «Eintritts-Tickets» vor dem
Tourismus-Büro fassten. Um 20Uhr gehörte die
St.Ursentreppe aber ganz der Crew des Theaters Pudelskern. Da waren die
Stadtführerin (Esther Ris), sekundiert von ihrer Assistentin
(Olivia Gasche), und ihren beiden Helferinnen Ursula1 (Susanne
Walliser) und Ursula2 (Monika Schmid).
Dass es eine
Nummerierung der Helferinnen gibt, ist symptomatisch. Rangordnung ist
ein omnipräsentes Thema im Stück. Machtgehabe der
Mehrbesseren, Unterdrückung von Minderheiten, Verfolgung und
Bekämpfung Andersdenkender.
Machtgehabe
Sogleich
wird dem Besucher klar, dass er sich nebst geschichtlichen Fakten auf
eine geballte Ladung Humor und Klamauk gefasst machen kann. Das
fängt schon mit der Aufforderung der Stadtführerin
an: «Ich bitte Sie zu entspannen, zurück zu
lehnen». Und findet eine gewisse Steigerung, wenn aus der
Versicherung, keine Mühen und Kosten gespart zu haben, um
für einen vergnüglichen Abend zu sorgen, ein
«wir haben keine Kühen und Mosten gespart»
wird.
Ein erster Höhepunkt, als die beiden
Experten Prof. Dr. Dr. Urs Grimm (Hans Ruchti) und Hans Adam (Pippo
Siegel) die Geschichte von Urs und Viktor zu dozieren begannen.
Grossartig,
was die Figurenbauerin und Künstlerin Eva Ruch für
Wesen geschaffen hat. Eindrückliche Gesichter, die ihre
Münder aufreissen können und durch die beiden
Profi-Schauspieler exzellent mit Leben erfüllt wurden.
Geradezu
einmalig ist Pippo Siegel mit seiner originellen Puppe. Er ist der
einzige in der Schweiz, der nebst einer Ausbildung zum Schauspieler
einen Abschluss als Puppenspieler gemacht hat. Auch zwischen diesen
beiden Figuren kommt es immer wieder zu Uneinigkeiten, müssen
geschichtliche Aussagen des einen vom andern korrigiert werden.
Kopf
ab
Es blieb längst nicht nur beim
Erzählen. Als etwa von der Guillotine die Rede war, vom
traurigen Schicksal, das die beiden Legionäre Urs und Viktor
ereilte, haute sich Siegel mit der Hand tatsächlich den Kopf
ab. Dass dies erst beim zweiten Anlauf gelang, war nur einer der vielen
Gags. Es war ein ständiger Balanceakt zwischen Tiefgang und
Humor.
Schauerlich
In drei
Gruppen aufgeteilt, wurden die fünf Spielorte aufgesucht. Da
konnte es schon mal passieren, dass man einer Aussätzigen
(Leonie Krattiger) begegnete. Malerisch wurde es beim alten Rathaus,
dem heutigen Kino Palace, wo die Seiltänzerfamilie mit Dieter
Schumann, Petra Kölliker und der jüngsten im Team,
der neunjährigen Deborah Kölliker, eine
hübsche Show bot. Schauerlich dagegen die Szene vor dem
Rathaus, wo es um die Hinrichtung der letzten Hexe in Solothurn ging.
Sehr eindrücklich, wie Roland Stauber den gefühllosen
Henker gab und die erfahrene Laienschauspielerin Dora Gehri die
verzweifelte, Gott um Gnade anflehende Hexe spielte.
Viel
zu schmunzeln gaben die Szenen im Ambassadorenhof mit der lispelnden
Assistentin (Denise Horat) von Monsieur de Merveilleux (Hans Ruchti)
oder vor dem Baseltor, wo Siegel den Bauern von Rumisberg spielte, der
«mehr Schulden hatte als sein Hund Flöhe».
Toncollage
Mit
einem «Tutti» endete das facettenreiche
Stück im Glockenstuhl beim «Bindella». Zu
einer Toncollage, die Regisseurin Rita Portmann aus Interviews mit
bekannten Solothurnern gemacht hatte, fand eine Art Performance
(Choreografie Franziska Zuber) statt. Rollentypische Bewegungen der
verschiedenen Darsteller wurden herauskristallisiert und nach und nach
von allen übernommen. Aus den einzelnen Individuen wurde
wieder eine einvernehmliche Gruppe.
Susi Reinhart