Wenn Kurzgeschichten einen
eigenen Soundtrack erhalten
Im Amicitia-Keller wurden Gruselgeschichten live vertont
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Am Samstagabend fand im Amicitia-Keller in Solothurn eine «Gruslige Lesung von zwei unheimlichen Schauderge- schichten» statt:eine Zusam- menarbeit zwischen Erzählerin Mona de la Rey und Geräusche- macherin Rita Portmann.
CHRISTOPH NEUENSCHWANDER
Dichter Nebel wabert durch die Gas- sen Solothurns. Kalt und feucht hängt er an den Wänden und umfängt die Passanten. Am Riedholzplatz, neben dem Durchgang zum Museumspark, brennen Kerzen neben einer offen ste- henden Tür. Treppenstufen führen hinab in ein Kellergewölbe, das unter- halb der alten Stadtmauer liegt. An der Bar werden Blutorangenpunsch und «Albtröimli-Tee» ausgeschenkt. Es ist 21.31 Uhr, als das Licht aus- geht. Nur Mona de la Rey, Schauspiele- rin und Sprecherin, sitzt hinter einem Holztisch im Schein ihrer Leselampe. Sie beginnt zu erzählen. Verborgen im Dunkeln sitzt Rita Portmann, Regis- seurin des Solothurner Theaters Pu- delskern, und erzeugt die passenden Geräusche. Ein simpler Plastikbecher wird dabei zum Knochenbruch oder zum knisternden Feuer, nasse Hand- schuhe zum Schmatzen schlammiger Erde. Die Geräuschkulisse beflügelt die Fantasie der Zuhörer. Sie sind nicht bloss Konsumenten, sondern Teil der Inszenierung – insofern ihre Vorstel- lungskraft die Erzählungen in ihrem Kopf Gestalt annehmen lässt. Fühlen und Denken des Publikums seien ein wichtiger Bestandteil der Produktio- nen von «Pudelskern», so Portmann.
Story und Töne passen
Gemeinsam tragen de la Rey und Portmann ihre beiden Gruselgeschich- ten vor: E. F. Bensons unheimliche Er- |
zählung «Das Gesicht» und die makab- re, aber heitere Kurzgeschichte «Ein Toter erzählt» von Howard Rigsby. Die Texte haben die beiden Künstlerinnen zusammen ausgewählt. Ein wichtiges Kriterium war, dass die Geschichten eine gruslige Stimmung verbreiten, aber dennoch nicht zu blutrünstig sind. «Ich achtete zudem darauf, dass die Erzählung ein gewisses Repertoire an Geräuschen enthält, die man live vertonen kann», sagt Portmann. Aber nicht nur zum Geräuschemachen, auch zum Erzählen muss sich so eine Geschichte eignen, wie de la Rey weiss: «Mir war wichtig, dass der Text zum Vorlesen passt. Bestimmte Geschich- ten wirken einfach nicht so gut, wenn sie vorgelesen werden.»
Workshop als Inspiration
Auf die Idee, in einem Projekt Le- sung und die Erzeugung von Tönen zu verbinden, war Portmann nach dem Besuch eines Workshops für Geräu- schemacher gekommen. «Da ich be- reits mit Mona de la Rey zusammen- gearbeitet hatte, fragte ich sie an, ob sie Interesse an diesem Projekt hätte. Allerdings schwebte mir zunächst ei- ne Weihnachtslesung vor.» De la Rey fasste jedoch eine ganz andere Art von Geschichtenerzählung ins Auge: «Ich wollte Gruselgeschichten lesen – am liebsten Edgar Allan Poe. Da sind wir natürlich gleich auf Halloween als ge- eignetes Datum gekommen.» Poes Geschichten seien aber oft zu lang und zu brutal, also habe man sich auf andere Erzählungen geeinigt. «Ir- gendwann werde ich noch zu meiner Poe-Lesung kommen», sagt de la Rey. Und auch Portmann blickt in die Zu- kunft: «Einen ähnlichen Event werde ich sicher gerne wiederholen.» Geplant sei auch, beim nächsten Theaterpro- jekt von «Pudelskern» live erzeugte Geräusche einzubauen. |